Von der Stille oder Die perfekte Illusion

Von der Dringlichkeit des ungestörten Zusammenspiels bildlicher, wie klanglicher Filmelemente und der vollkommenen Illusion des Lichtspiels.

Stille-Illusion-Film-Blu-Ray-Player

Es begab sich nach dem Einkauf eines Blu-Ray-Players der mittleren Preisklasse zu Beginn des Jahres, dass dieses Gerät sich nach nur wenigen Betriebsstunden vor allem dadurch auszeichnete, die besonders ruhigen, der Stille und der Spannung zugeeigneten Szenen eines Filmes durch ein deutlich vernehmbares Surren des geräteeigenen Laufwerks zu konterkarieren. Gerät also wieder eingepackt und zurück zum Fachhändler, um den Umtausch anzustreben.

In Erwartung, dass vielleicht doch eine kleine Erklärung ob der Beweggründe des Umtausches den Vorgang ein wenig beschleunigen könnte und dabei auch dem verantwortlichen Verkaufspersonal angemessenen Respekt zollt, legte ich mir ein paar Worte zurecht, um diesem Ziele zu entsprechen. Ich hatte Glück gleich einem Verkäufer begegnen zu dürfen, der offenbar Zeit hatte sich meiner anzunehmen und erklärte ihm mein Anliegen.

Der Mangel des Gerätes sollte meines Erachtens nicht in seiner isolierten Betrachtung der Banalität preisgegeben werden und so bemühte ich mich, ein Gesamtbild der Verhältnismäßigkeiten und übergeordneten Zusammenhänge herzustellen und begann mich über die Geschichte der Bewegt-Bild-Technik, von den Anfängen der Laterna Magica über das Lichtspieltheater bis hin zur Revolution des Tonfilms, der Kern-Problematik zu nähern.

Bereits nach ungefähr 45 Minuten hatte sich die Zuhörerschaft meines Vortrages um einige interessierte Kunden erweitert, welche zunächst nur beiläufig, doch dann konzentriert meiner Rede beiwohnten.

Der in den 50er Jahren in die deutschen Haushalte einziehenden Fernsehkultur widmete ich eine weitere, doch kurz gehaltene Zusammenfassung. Die sozialen Auswirkungen der stetig expandierenden Medienlandschaft und ihrer diversen Formate auf die Gesellschaft, insbesondere aber die sozialpsychologischen Aspekte derselben auf das einzelne Individuum, ließen sich nicht in wenigen Worten abhandeln und bedurften zudem der Verdeutlichung der Verantwortung der Medienschaffenden gegenüber dem geneigten Publikum bezüglich Qualität und Anspruch des gebotenen Programms.

Ich hob gerade an, den historischen Kontext von digitalen Medien und der (tonlosen) bildlichen Darstellung von Szenen des Alltäglichen aus den verschiedensten Lebensbereichen des Altertums (z. B. auf Ton) zu adressieren, als bereits Kaffee und belegte Brötchen gereicht und älteren Zuhörern Sitzgelegenheiten zur Verfügung gestellt wurden.

Die Relevanz von Bildästhetik und -gestaltung, der Kunst des Führens der Kamera und des Lichts, sowie das Wählen des optimalen Bild- oder Szenenschnitts hinsichtlich der zu erzielenden Handlungsdichte, Dramatik  und Atmosphäre im Rahmen der cineastischen Filmproduktion, wusste meine bis dahin erläuterten Inhalte abzurunden.

Die Schaffung eines kompakten Überblicks über die bis dato herangezogenen Fakten führte mich schließlich - nochmals die Errungenschaft des Tonfilms und die daraus resultierenden Konsequenzen für Filmindustrie und den Berufsstand des Schauspielers herauskristallisierend - zum weit unterschätzen Klangbild eines Filmes. Dieses beinhaltet, nebst der Filmmusik, in besonderem Maße die Gestaltung eines akustischen Rahmen-Ambientes, welches sich speziell in einer kunstvoll inszenierten Stille zu entfalten vermag. Es ist das gehörte Bild im Bild einer jeden filmischen Darbietung und weiß auch mit den leisesten Tönen das Ziel der emotionalen Integration des Betrachters in das fiktive Geschehen nicht zu verfehlen, insbesondere dann, wenn der hörbare Fokus eines cineastischen Augenblicks auf den Atem und das leise Pochen und Vibrieren des Herzens in der Brust des Zuschauers gelenkt wird und dieser scheinbar sich selbst und dem Geschehen auf der Leinwand oder dem Bildschirm überlassen wird.

Inzwischen wurde auch eine Kinderbetreuung eingerichtet und den Anwesenden gestattet, die Vorführgeräte der in Hörweite liegenden Computerabteilung zu nutzen, um evtl. Termine per eMail abzusagen oder auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Von der Nutzung von Mobiltelefonen bat ich derweil abzusehen.

Im Folgenden war es mir eine Freude, darüber berichten zu dürfen, dass Sergio Leone für seine Filme "Spiel mir das Lied vom Tod" und "Es war einmal in Amerika" die Filmmusik von Ennio Morricone bereits im Vorfeld hatte komponieren lassen und das Filmset während der Dreharbeiten mit eben welcher beschallen ließ, um seine Schauspieler auf die bevorstehenden Szenen einzustimmen. Ich vermochte damit einmal mehr den Zuhörern, allen voran dem sichtlich beeindruckten, leicht ermüdeten Verkäufer der TV-Abteilung, einen Eindruck von der Relevanz des harmonischen Zusammenspiels bildlicher, wie klanglicher Filmelemente vermitteln zu können, welches für die Schaffung einer annähernd vollkommenen Illusion unabdingbar ist...

..."und wissen sie was? Da stört so ein scheiß gottgeficktes Surren einfach ungemein!"

Das Gerät wurde anstandslos zurückgenommen.


P.S.: Sollten Sie mit einem starken Husten oder als Nasenatmer mit einer verstopften selbigen im Kino neben mir einen Platz finden, dann glauben Sie mir einfach, wenn ich Ihnen sage, dass Ihr Husten oder Ihre hörbare Atemnot binnen kürzester Zeit Ihr kleinstes Problem darstellen wird.

  • Phacops sp.

    Nicht umsonst heißt es: RUHE in Frieden.

  • Rentner haben einfach zuviel Zeit.

    • DewaGue

      Ich hoffe nur das ich nicht zeitgleich wie der Käpt`n den Händler meines Vertrauens besuche!

  • Alte Schachtel

    Stille - das wichtigste, aber leider weitestgehend unhörbar gewordene, Stilmittel für die Dramaturgie des Lebens, der Kunst und allem. R.I.P.

    • DewaGue

      Auch er mag keine farblosen Gesichter, geh mal an die frische Luft.

    • Sie sehen doch ganz hübsch aus und von "Alt" kann auch nicht mehr die Rede sein - dieser Verjüngungsservice ist übrigens kostenlos.

      • Alte Schachtel

        Hiiiiiilfeeeee - ich will auf gar keinen Fall jünger sein/werden als ich bin. Das Alter hat einfach zu viele angenehme Vorzüge, auf die ich keinesfalls verzichten will. Nehmen Sie mir meinetwegen meinen alten, grauen Avatar, aber lassen Sie mir mein Alter, büddebüddebüdde ...

        • Sehr geehrte Kundin,

          die irrtümlicherweise auf Ihrem Lebenskonto gutgeschriebenen Jahre wurden wunschgemäßg wieder von uns abgebucht. Die Rückbuchung einer Gratisleistung ist leider mit entsprechenden Verwaltungskosten, zzgl. einer einmaligen Stornogebühr, verbunden. Wenn Sie nun einen kleinen Blick aus Ihr Küchenfenster werfen mögen, so wird Ihnen ein schwarzer verspiegelter Kleinbus auffallen. Sofern Sie den fälligen Betrag in Höhe von 89,95 € sofort und in bar begleichen (ein Klopfen an der Fahrertür genügt) besteht kein Grund zur Sorge.

          • Alte Schachtel

            *klopfklopf* Hier bitte, 90 €, der Rest ist für Sie. *schnellinsHausrenn*

        • PigPen

          Auch in Weisheit gezogen geziemt es sich nicht mit Vorzügen zu übertreiben, Verehrteste. 🙂

          • Alte Schachtel

            Doch, doch, das geht.

    • Miguel Garcia Fernandez

      Nun sieht es fast aus, als führest du Selbstgespräche, hihi
      Allerdings liegt meine Locke auf der linken Seite ganz anders als bei dir und man sieht ganz genau, dass ich ein Junge bin.

  • Alte Schachtel

    Danke sehr. - Woher weißt du das?

  • Alte Schachtel

    Oh, dann habe ich ja tatsächlich was verpaßt. Nochmal danke schön, Mister.

  • Phacops sp.

    "Hallo Phacops, wie komme ich denn zum Bahnhof, nachdem die U-Bahn ausfällt?"

    "Wohin willst du denn reisen? ist dein Ziel weit von hier entfernt? Was ist denn an diesem Ort, den du als Ziel bezeichnest, so anders als hier, in deiner Heimat? Auch hier ist es schön. Alles ist so vertraut. Du verstehst die Menschen, sprichst deren Sprache, verstehst sogar ihren Dialekt. Wie willst du denn in der anderen Stadt kommunizieren? Bist du dir sicher, dass du dort über verstanden wirst. Und sich niemand über dein Idiom lustig macht. Lächerlich kannst du dich machen, und Frustration kann sich in dir breitmachen.
    Ist es denn überhaupt nötig zu fahren? Was zieht dich denn jetzt in die Ferne.
    Ist es die Sehnsucht nach dem anderen, einem Besseren Leben? Ist dieses nicht eine Illusion? Auch hier sind die Menschen freundlich, und wenn du ihnen zuhörst, anstatt die ganze Zeit zu sprechen, würdest du das auch tatsächlich bemerken. Sicherlich kennst du auch hier, in deiner alten Heimat, die du so rüde aufgeben willst, nicht alles. Kauf dir einen reiseführer von deiner Heimatstadt und du siehst Orte, die du nie gesehen hast, versteckte Winkel, Kleinode deutscher Baukunst und triffst Menschen, denen du noch nie begegnet bist. Sieh her, der kleine Spatz pickt die Reste einen Fastfoodmahles als wären sie Spezilitäten eines Sternekochs. Ein Lokal dieser Kette findest du überall. Da kannst du auch in dem hier essen. Oder schmeckt dir etwa das Bier nicht, das die Braumeister hier sorgfältig abschmecken. Jahrhunderte an Erfahrung stecken dahinter. Wirst du dieses wo anders auch finden?
    Denk zudem an deinen ökologischen Fußabdruck. Der wird breiter und breiter. Selbst ein Yeti könnte nach einem Regenschauer darin baden.Auch wenn die Ökobilanz der bahn nicht ganz schlecht aussieht, abe rohne zu reisen sieht sie für dich besser aus. Heute hat doc hjeder Internet und Smartphones. Hats du nicht darüber nachgedacht, dass dies effizienter ist?
    Vergiss nicht die Gefahren, die dich auf der Reise begenen können. Ein Radkranz kann brechen, durch jahrelange Vernachlässigung durch Kostenoptimierungen. Du kannst überfallen werden, Betrüger nehmen dein Geld ab, weil du gutgläubig ihnen vertraust. Sie leiten dich in der Fremde in die Irre und nutzen deine Unwissenheit aus?
    Oh, du hast deinen Zug verpasst, weil du dich zu lange mit mir unterhalten hast? Selbst schuld sage ich."

    • DewaGue

      Verdammt, die "Tagesschau" hat schon angefangen.

      • Phacops sp.

        Dann lies danach halt weiter

    • Miguel Garcia Fernandez

      Ich, meines Zeichens Popcornesser und Chipstütenraschler, würde sehr gerne alsbald zusammen mit dir und dem Mann an Bord ein Lichtspiel eurer Wahl besuchen!

      • Nässer schreibt sich mit ä

        • Miguel Garcia Fernandez

          Bett!

      • Da wart ich jetzt aber noch auf einen richtig schönen Keuch-Krampfhusten.

        • Musste morgens um 5 bei mir vorbeikommen, dann hörste ihn laut und deutlich.

        • Miguel Garcia Fernandez

          Dem werten Käpt´n kann man aber auch nichts rechtmachen!
          Gerne kann ich sodann als Kommentator zu erklärungsbedürftigen Ereignissen des Films oder während langweiliger Liebesszenen als Spinner von Seemannsgarn mit Berichten von Überlebenden des fünfmaligen Kielholens dienlich sein. In diesem Falle empfehle ich tunlichst das Kalfatern der Ohren.

  • DewaGue

    Ja was denn?

    • Phacops sp.

      The rest ist silence

      • DewaGue

        Tick, tack, tick, tack, tick, tack, tick, vertrackt.

  • Nichts gegen hörbare Atemnot, ja!

  • Bei einem meist viel zu oberflächlich abgehandelten Vorgang wie der Zeitauskunft käme ich nicht umhin, Zeit als solches von den verschiedenen Blickwinkeln der Wahrnehmung derselben durch den Menschen aus betrachten und beleuchten zu wollen. Allein das "ist" in "Es ist jetzt Zwölf Uhr" muss hinterfragt sein. Was ist eigentlich, wann begann "Jetzt", wann findet es sein Ende. Wann beginnt das neue Jetzt? Gibt es fließende Übergänge oder ist "Jetzt" immer? Wenn letzteres der Fall wäre, was nützt da die Uhrzeit? Warum will jemand die Uhrzeit genannt bekommen, wenn doch das Vergehen nicht gerade jener Bestandteil des Menschenschicksals ist, welchen wir gemeinhin unter "akzeptabel" verbuchen?

    • PigPen

      Der Begriff der Zeit ist eine logische Sekunde, wie der Sprachgebrauch beweist.

  • PigPen

    Eine Träne geflossen,
    elegische Rührung;
    Dead Man !

    Jarmusch und Young