13.07.2011 - 10:15

Hunger

Von Hunger und Hungersnot, Entwicklungshilfe und Agrarsubventionen, dem US-Haushalt und Barrack Obama, seltenen Erden und dem DIHK, Drag-Queen Klausanne und Opa Eugen.

Der Fernseher läuft während des Abendbrots. Es ist zu einer dummen Angewohnheit geworden, sich während des abendlichen Essens von "Informercials" und zielgruppenorientiert aufbereiteten Nachrichten berieseln zu lassen. Der Familientherapeut jedoch hat es nach dem 26. Gesprächstermin nach- und ausdrücklich als erfahrungsgemäß erfolgreiches Hilfsmittel zur Harmonisierung der familiären Konfliktsituation empfohlen und sich danach in die Hände einer fachlichen Vermittlungsstelle begeben und leitet nun auf einer Öl-Bohrinsel nahe Spitzbergen die wöchentliche Gruppensitzung des Kleintierzuchtvereins.

Ja, Fernsehen hilft die kleinen Streitigkeiten im Familienkreis zu relativieren und vereint in der unausgesprochenen Übereinkunft, sich trotz aller Widrigkeiten doch deutlich von den illustren Schmähgästen der gerade laufenden Talkshow abzuheben. Und während Thorsten K. vor den empörten Augen eines bewegten Studiopublikums die Vaterschaft für sein Kind verweigert, nur weil Janine S. es in einem anderen Bett gezeugt hat (das aber immerhin mit dem eineiigen Zwillingsbruder des Vaters); und während Drag Queen Klausanne kurz darauf den Gleichheitsgrundsatz im Gebirgsjägerbataillon 233 verletzt sieht und der geladene Oberstleutnant Walter sichtlich unaufgeregt den Lauf seiner Schusswaffe poliert derweil er mit  gleichmütiger Gelassenheit Rede und Antwort steht (und nur ein leicht aufflackerndes Zittern in seiner Stimme im Kontrast zu seinen aufmerksam funkelnden Augen die Aufrichtigkeit seiner Arbeitsmoral unterstreicht) versorgen Berthas Schnittchen-Variationen die Familientruppe mit der abendlichen Essensration. 
Die Talkshow neigt sich dem Ende zu. Thorsten ist nach einem Gentest zu 99% der Vater des Kindes und das restliche 1% raus aus dem Schneider und Drag Queen Klausanne wird die Flitterwochen mit Walter auf der Gorch Fock verbringen. Alles in Butter, Werbepause, Nachrichten:

Europa druckt containerweise Geld, um selbiges zu retten, Japans Atomkraftwerke sollen mittels staatlich verordneter Erdbeben einem Stresstest unterzogen werden, der einzige Neger an der Spitze der amerikanischen Regierung wird von republikanischen Patrioten ausgehungert und Angela Merkel beklagt in Afrika den Hunger eines ganzen Kontinents und verspricht die Entsendung von Ernährungsberatern. Was tun gegen Hungersnöte? Am besten schickt man erstmal die wohlgenährteste Sau im Stall, um diesen erbärmlich abgemagerten Wegelagerern zu zeigen, wohin ehrliche harte Arbeit führen kann. Man muss doch nur wollen. Schließlich ist Afrikas Erde ebenso angereichert mit Bodenschätzen, wie die vorherrschende Meinung ob des gemeinen Afrikaners mit Vorurteilen. Und dann ist klar: Wenn man sich die schwarzen Hände nicht auch noch schmutzig machen möchte, regelt man das eben mit Geld. Und Geld wird in Afrika mit selber Leichtigkeit gedruckt, wie in Europa. Bestechend einfach! Und Korruption ist in Afrika mindestens genauso weit verbreitet wie der Hunger. Ob es da wohl einen Zusammenhang gibt?

"Hunger habe ich öfters", erzählt Opa Eugen, dem die bitteren 60er und 70er Jahre mit Diabetes und Fettleibigkeit gezeichnet haben und wischt sich das vermachte Eigelb von vorgestern aus den weißen Mundwinkeln. "Die Leberwurst ist heute so fest versiegelt, dass man sie mit bloßen Händen nicht mehr auspacken kann. Die kann ich nicht mehr essen. Und bis ich von Hühner-Hugo wieder zuhause bin (Opa Eugen ist auf eine radlose Gehhilfe angewiesen), ist der Adler kalt. Erzählt mir nichts von Hunger!".

Der Handel soll's richten und die Wirtschaftsinteressen Deutschlands bedürfen nur der Investitionssicherheit und schon kann es losgehen. "Wer Afrika heute als Investitionsstandort akzeptiert, wird morgen die Früchte ernten", so die Kanzlerin schon 2007, die damit schon damals mit der ihr angeborenen Weisheit aus dem reichen Fundus kolonialer Erfahrungen schöpfte. Schon zu jenen (Kolonial-)Zeiten war der Hunger Afrikas außenpolitisches Thema vieler Nationen und es waren nicht zuletzt die Amerikaner die sich Anno Dazumal der Problematik annahmen und Millionen von Schwarzafrikanern ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten verschifften, damit sich diese dort eine neue Zukunft aufbauen konnten. Mit Erfolg: Amerikanisches (und europäisches) Getreide ist auf der Basis staatlicher Subventionen und technischen Fortschritts weit günstiger und effizienter zu produzieren, als dies derzeit in Afrika je möglich sein würde und Millionen von Tonnen umfassende Hilfslieferungen, die das dürregeplagte Afrika nur so überschwemmen, machen den dortigen Anbau unrentabel (schon 1984), was aber auch bedeutet, dass man dort viel Zeit für sinnvollere Dinge hat – wenn man sie denn nutzen würde. So müssen Blutdiamanten z. B. gründlich gewaschen werden, so wie das Geld, das für sie bezahlt wird, um dann über marktliberalisierte Umwege in die Waffenindustrien der Welt investiert werden zu können, die den Kriegsschauplatz Afrika mit nötigem Nachschub versorgen und "beleben". Das ist auch Investitionssicherheit. Man muss das Rad ja auch nicht neu erfinden in Afrika (schließlich wurde es vielleicht sogar dort ersonnen), sondern es nur am laufen halten.

Uran, Öl und seltene Erden liegen tief verborgen unter den Schichten der massiven Landmasse und "wir" liefern immerhin die Schaufeln gegen den Rohstoffhunger. Billiger kann man gar nicht drankommen an das Zeug. Das ist ein echter globaler Marktvorteil, nebst den gewährten Entwicklungshilfen, von denen man in Afrika profitieren könnte, wenn an der Bevölkerung vorbei geplante Großprojekte und die Lebenshaltungskosten, der Fuhrpark und die gutbezahlten Söldnertruppen einzelner Eliten nicht so kostenintensiv wären. Aber es sind eben nur die z. T. moralisch nicht einwandfrei vertretbaren Regierungschefs, die einer gesprächsintensiven Wirtschaftsrunde standhalten können, ohne vor bohrendem Hunger während der Unterredung geschäftsschädigend zusammenzubrechen. Mit einem Vertreter der gewöhnlichen afrikanischen Landbevölkerung ist das einfach nicht zu machen.

"Die hatten doch schon in den 60er und 70er Jahren Hunger", weiß Opa Eugen zu berichten, "das sind die gewöhnt, die sind doch hart im Nehmen!"
"Und bekommen tun 'se doch genug!", ergänzt Vater Bernd vollmundig in Hinblick auf die ewigen Spendenaufrufe und die immensen Hilfgelder aus dem Säckel des deutschen Steuerzahlers. Bertha bringt neue Schnittchen – Schwarzbrot.


verquer.org






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