Stuttgart 21: Effizienz & Wahrheit - Kommentar
Stuttgart 21, die Deutsche Bahn, die SMA & Partner AG und der Stresstest. Das neue Herz Europas will nicht recht schlagen. Ein Bericht über Angela Merkel, Stefan Mappus, die CDU, die FDP, Christian Lindner, Steuersenkungen, Bürgerbefragungen, Wahlbetrug in Baden-Württemberg.
30% mehr Effizienz, sagt die Deutsche Bahn und weiß damit schon vor offizieller Bekanntgabe der Ergebnisse des sogenannten Stresstests mehr, als das zuständige Ministerium des Landes Baden-Württemberg. Deutsche Bahn und das mit dem Stresstest beauftragte Züricher Unternehmen SMA scheinen bestens zu kooperieren – und wer ist schon Winfried Hermann? 30%, das lohnt sich allemal und für ein Taschengeld von 40 Millionen Euro ließen sich denn auch die letzten infrastrukturellen Makel des Projektes Stuttgart 21 aus der Welt schaffen, so die Bahn in freudiger Erwartung.
30% sind, unter Betrachtung der üblichen Auswertung, das Optimum an möglicher Zusatzbelastung und bedeuten in keinem Falle ein selbstverständliches und vor allem dauerhaftes Mehr an Kapazitäten. 15% dürften nach unserem Dafürhalten eher dem durchschnittlichen Zugewinn an Belastbarkeit entsprechen und in Anbetracht des finanziellen Aufwandes für Bahnhof und Strecke in Höhe von (projektierten (und schöngerechneten)) 4 Milliarden Euro, darf man sich durchaus mal am Kopf (-bahnhof) kratzen. Was die Projektkosten angeht, lassen Aussagen verschiedenster Quellen zudem genügend Raum für berechtigten Protest:
- ZEIT: "Gutachter prophezeien Kostenverdoppelung bei S21"
- FAZ: "Gutachten: Kosten für ICE-Trasse doppelt so hoch"
- STERN: "Fast 19 Mrd. Euro: Kosten für S21 schnellen in die Höhe"
Schauen wir uns die näheren Umstände des Stresstests kurz mal genauer an, so heißt es auf der Internetseite des Dienstleisters SMA überraschend deutlich:
Uuuups, das ist aber unabhängig. Objektiver geht’s ja gar nicht mehr, was!?
Bundesverkehrsminister Ramsauer ließ zwar auch verlauten, dass es sich nicht wirklich gehöre, vermeintliche Ergebnisse vor der offiziellen Bekanntgabe heraus zu posaunen, aber welchem Orchester mit genügend Einfluss und parteipolitischer Rückendeckung will man das denn verübeln. Schließlich steht Bundeskanzlerin Merkel persönlich hinter dem Projekt und unterstrich mit kernigen Worten ihre Position und der schlagfertige Polizeieinsatz im letzten Jahr ließ keinen Zweifel an der Haltung der CDU in dieser Herzensangelegenheit (Das neue Herz Europas).
Tja, Mappus ist weg, die schwarz-gelbe Landesregierung von Baden-Württemberg ist auch weg und der Wähler in BW hat sich, nicht zuletzt durch das Thema Atompolitik motiviert, auf die Seite jener geschlagen, denen zwar nicht weniger an der Zukunftsfähigkeit des Landes liegt, aber dieser Aufgabe auch auf der Höhe der Zeit und vor allem mit zeitgemäßen Überlegungen und mit Zustimmung der Bevölkerung begegnet.
Für die Bahn ist der Zug schon abgefahren – ohne grünes Licht der gleichfarbigen Landesregierung oder dem Votum eines Bürgerentscheids, der aufgrund rechtlicher Begleitumstände noch nicht in trockenen Tüchern ist und vermutlich aufgrund des Widerstandes von CDU und FDP gar nicht erst zustande kommt. Christian Lindner von der FDP weiß dies sogleich als Indiz für einen "Wahlbetrug" anzuführen und scheint dabei nicht zu bemerken, dass es für einen angehörigen einer Regierungspartei, die nach aktuellen Umfragen gerade noch einen erbärmlichen Wählerstimmenanteil von 4% für sich verbuchen kann, der auf ein ebenso erbärmliches Auftreten in der Bundespolitik zurückzuführen ist, von Vorteil wäre, das große Maul nicht so voll zu nehmen und es eher dem Stande der FDP entsprechen würde, sich in einem steuerbegünstigtem Hotelbett im zur Gänze entrückten liberalen Selbstverständnis zu suhlen, als von politischem Versagen der anderen zu sprechen, während man in den letzten 2 Jahren selbst alles anderes bewiesen hat, als Stehvermögen.
Was die FDP angeht, gebiert sich diese gerade wie ein spätpubertierender Junge, der den berechtigten Schlag ins Gesicht aus der Hand seiner Angebeteten (Wählerschaft) noch nicht verdaut hat und prescht unter Einfluss adoleszenter, sintflutartiger Hormonwallungen in das schwer in Mitleidenschaft gezogene Rollenverständnis und -verhalten einer Steuersenkungspartei und versinkt dabei inmitten einer Selbstlüge, die nur noch durch die therapeutische Abwahl durch eine (wahrhaft liebende) verantwortungsbewusste Wählerschaft einen Weg der Heilung einschlagen kann.

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